Die Brasilianischen Fische von Spix

Die Brasilianischen Fische von Spix

Sektion Ichthyologie - Collections

Die Brasilianischen Fische von Spix

Die Brasilien-Reise unter der Leitung von JOHANN BAPTIST von SPIX wurde anläßlich der bevorstehenden Vermählung der österreichischen Erzherzogin LEOPOLDINE mit dem Kronprinzen und späteren König von Brasilien DON PEDRO I. durchgeführt. Am 7.April 1817 schiffte sich die Expeditions-Teilnehmer J. MIKAN (Entomologe und Botaniker) J. POHL (Mineraloge), J. Natterer (Zoologe), T. ENDER (Landschaftsmaler), BUCHBERGER (Pflanzenmaler), FRICK (Tiermaler), der Hofgärtner H. SCHOTT zusammen mit CARL FRIEDERICH von MARTIUS und SPIX auf der Fregatte „Austria“ ein und verließen Triest am 10.April 1817. Am 15.Juli erreichten sie Rio de Janeiro.

Sturisoma rostratum

Erste Reiseetappe

Am 8.Dezember 1817 brach die Expedition Richtung Sao Paulo ins Innere des Landes auf, wo sie am 31.Dezember eintrafen. Von dort setzten sie ihre Reise am 9.Januar 1818 Richtung Sorocaba fort, dass zirka 90 km von Sao Paulo entfernt war. Über Porto Feliz Jundiai und Atabaia reisten sie weiter nach Villa Rica, der Provinz von Minas Geraes Die reichen Goldvorkommen und die damit verbundene Umweltzerstörungen durch den Abbau veranlassten SPIX & MARTIUS zu einem Brief an den König mit einer ausführlichen Schilderung der wilden Zerstörung. Von Villa Rica aus sandten SPIX & MARTIUS bereits zahlreiche Sammlungsgegenstände nach München.

Anfang Mai 1818 setzten sie die Expedition über Saborá und Caeté nach Tejuco fort, das wegen der dortigen Diamantenvorkommen streng bewacht war und nur mit Sondererlaubnis betreten werden durfte. Am 10.Juli verließen sie Tejuco wieder und erreichten im August 1818 Porto de Salgado (Januaria) am Rio San Francisco. Unweit der heutigen Hauptstadt Brasilia an der Wasserscheide zwischen Tocantins und Rio San Francisco bekamen sie eine ungefähre Vorahnung auf die weiteren Entbehrungen, die die Expedition für sie bereithalten würde. Typhus und Fieber waren hier keinen Seltenheit, die lang anhaltende Trockenheit verursachte eine große Hungersnot und dörrte das Land aus, Zisternen mit trübem Wasser boten willkommene Erfrischung. Von Bahia gingen es weiter nach Sao Feliz, von dort mit einem Boot weiter auf dem Rio San Francisco bis nach Salvador (Bahia), wo sie am 5.November 1818 eintrafen.

Zweite Reisetappe

Nach einer Erholungspause von den Entbehrungen der bisherigen Reise und den notwendigen Vorbereitungen des zweiten Abschnittes verließen sie am 18.Februar 1819 Salvador (Bahia) in nordwestlicher Richtung durch die Wüste von Sertao. Unter Wassermangel und großen Strapazen gelangten sie über Feira de Santano nach Villa Nova da Reinha am Rio Itapicurú. Von dort setzten sie ihrer Reise nach Joazeiro fort und erreichten langsam so langsam die Provinz Maranhao.

„Es fehlen uns die Worte, um die Leiden zu schildern, welche wir auf dem Weg durch diese menschenleere Certaos (Dornbuschsteppe) auszustehen hatten … . Fünf bis sechs Tage war auch nicht einen Zisterne zu finden, und wir waren gezwungen, Tag und Nacht zu reisen, um dem Tode zu entgehen.“ Von den Qualen der Trockenheit gelangten sie in der Gegend von Oeiras in ein Feuchtgebiet, in dem sich viele Expeditionsteilnehmer an lang anhaltendem Fieber erkrankten, und nach Caxias getragen werden mussten. Von dort reisten sie am 3. Juni 1819 auf dem Rio Itapicura nach Sao Luiz (Prov. Maranhao) weiter. Von dort aus segelten sie am 20.Juli an Bord eines portugiesischen Kriegsschiffes nach Pará (Belem)

Dritte Reiseetappe

Am 21.August 1819 trat die Expedition den wohl gefährlichsten und schwierigsten Teil ihrer Forschungsreise an: sie ruderten mit Militär-Eskorte in Canoas nach Egá (Tefé) am Solimoes. Nach 4 Monaten wollten sie von dort wieder zurück in Belem sein. Ihre erste Station machten sie in Breves am Südufer der Insel Marajo, wo sie ihren schwer erkrankten indianischen Frührer zurücklassen mussten. Am 10. September erreichten sie Porto de Móz am Rio Xingu. Die Weiterfahrt nach Santarem an der Mündung des Rio Tapajos war sehr entbehrungsreich: Myriaden von Mücken, Stürme & Wolkenbrüche, Untiefen und treibende Baumstämme machten das fortkommen schwierig. Im Okotber passierten sie die Stromenge bei Obidos unweit der Mündung des Rio Trombetas.

Am 22.Oktober erreichten sie Fortaleza da Barra do Rio Negro (Manaus). Nach einer längeren Erholungspause und dem Sichten ihres Sammlungsmaterials führte sie eine kleinerer Ausflug an den Rio Manacapurú. Vorbei an der Insel Ajaratuba nahe der Rio Purus Mündung gelangten sie am 26.November 1819 Egá, das heutige Tefé. Nach einem dreiwöchigen Aufenthalt in Egá entschieden sie sich fortan aufzuteilen, auch wegen des schlechten Gesundheitszustandes einzelner Expeditionsteilnehmer. SPIX war durch die schweren Fieberanfälle und Erbrechen geschwächt. Nach eingehender Beratung vereinbarten SPIX und MARTIUS, dass SPIX den Solimoes bis ins Grenzland von Peru und Kolumbien weiter stromaufwärts bis nach Tabatinga fuhr, während MARTIUS dem Yapurá (Rio Japurá und Rio Caqueta) bis zu den Avara-Coara (Araracuara) Wasserfällen befahren sollte. Ehe sie sich trennten, übergaben sie sich gegenseitig ihr Testament.

SPIX trat am 7.Dezember 1819 seine Reise auf dem Solimoes an. Am 9.Januar 1820 erreichte er Tabatinga, und brachte von dort eine reiche ethologische Sammlung von den Culino, Maxuruna, Tecuna und Cauixana Indianern mit, die zusammen mit den Masken der Juri-Taboca die MARTIUS vom Yapurá mitbrachte zu den größten Kostbarkeiten der Münchener Völkerkunde-Museums zählen. Ohne weiteren Aufenthalt in Tabatinga kehrte SPIX am 3.Februar wieder in Barra do Rio Negro (Manaus) ein. Da MARTIUS noch nicht wieder eingetroffen war, nutzte SPIX die Gelegenheit um den Rio Negro bis Barcellos zu befahren.

MARTIUS brach 5 Tage später am 12.Dezember nicht wie SPIX mit kleinen Booten, sondern mit 8 Schiffen und 56 Mann von Egá auf. Am 27.Januar 1820 erreichte er Avara-Coara an der damaligen Grenze zu Kolumbien. Erneut an Fieber erkrankt und „von einem tiefen Schauer der Einsamkeit ergriffen“ erfasste ihn „eine unaussprechliche Sehnsucht nach dem gesitteten, theuren Europa“. Er entschloss sich zu einer schnellen Rückkehr, die er am 31.Januar 1820 antrat. Als er 3 Tage später in Porto dos Miranhas eintraf, fand er die gesamte Mannschaft krank vor, und so konnte er erst nach zwei Wochen die Reise fortsetzten. Am 11.März 1820 trafen sich SPIX und MARTIUS in Manaus Barra do Rio Negro wieder. Ehe sie die Rückreise nach Belem antraten, befuhren sie noch den unteren Madeira und besuchten die Missionsstation Canoma. Da Spix inzwischen an sehr starken Fieberanfällen litt und seine Gesundheit bereits erheblich angegriffen war, kehrten sie ohne weitere Zwischenstopps nach Belem zurück, wo sie am 16. April 1820 eintrafen, 1 Jahr und 3 Monate nach der ursprünglich geplanten Rückkehr.

Am 14. Juni 1820 schifften sie auf der „Nova Amazonia“, einem brasilianischen Dreimaster, ein. Nach einer strapaziösen Überfahrt erreichten sie am 21. August 1820 Lissabon. Nach fast 4 jähriger Forschungsreise kehrten sie am 10.Dezember 1820 nach München zurück. Neben der reichen ethnologischen Sammlungsobjekten enthielt die Ausbeute über 20.000 Herbar-Belege von etwa 6500 Pflanzenarten, fast 3000 Insekten, Spinnen- & Krebstiere, und mehrer Hundert Amphibien und Fische.

Von den Strapazen der Expedition sollte SPIX nicht mehr vollständig genesen. Noch bevor er seine Arbeit an der ersten Monographie über Brasilianische Fische, “Selecta genera et species piscium Brasiliensium”, abschließen konnte, starb er am 14. Mai 1826. AGASSIZ, der von 1827 bis 1830 als Doktorand and der Universität München war, wurde von CARL FRIEDRICH PHILIPP VON MARTIUS nach dem frühen Tod von SPIX mit der Aufarbeitung der Fischsammlung betraut. AGASSIZ nahm diese Aufgabe an, woraus die erste Monographie Brasilianischer Fische entstand, „Selecta genera et species piscium Brasiliensium“, deren erster Band 1829, der zweite 1831 veröffentlicht wurden (noch vor dem Erlangen seiner Doktorwürde 1830). Im Zuge seiner Arbeit überführte Agassiz SPIX-Material in seine Schweizer Heimat, welches 1834 vom Museé d’Histoire Naturelle de Neuchâtel angekauft wurde, und das von MAURICE KOTTELAT bei Revisionsarbeiten in der Sammlung von Neuchâtel 1983 wieder entdeckt wurde. Neben drei Zungenbeinknochen von Arapaima gigas, die ursprünglich in der Botanischen Staatssammlung München aufbewahrt wurden, und einem „Loricaria“ (Sturisoma) rostratum, der 2004 in der Präparatesammlung der Ludwig-Maximilians Universität München wieder entdeckt wurde (s.u.), ist dies das einzige Fischmaterial von SPIX, dass in München den Krieg überdauert hat; der Rest dieser historisch bedeutenden Sammlung wurde vollständig zerstört.

BALSS (1926) zufolge umfasste die Spix Sammlung ursprünglich 116 Fische. Stimmt diese Zahl an ursprünglich vorhandenen Fischen tatsächlich, wäre fast die Hälfte des Spix-Materials in Neuchâtel erhalten geblieben. Wahrscheinlicher ist jedoch die Annahme, dass in der SPIX-Sammlung ursprünglich 168 Fische vorhanden waren. BALSS verfasste seine Chronik fast 100 Jahre nachdem das AGASSIZ von MARTIUS Dubletten des SPIX-Materials erhalten hatte; Umfang und Zeitpunkt des Austausches von Material an AGASSIZ waren BALSS vermutlich unbekannt.

Literatur

H. Balss, H. 1926. Geschichte der Zoologischen Sammlungen. In: Karl Alexander von Müller. Die wissenschaftlichen Sammlungen der Ludwig-Maximilians Universität zu München. Chronik zur Jahrhundertfeier, im Auftrag des Akademischen Senats herausgegeben. 300-315.

Kottelat, M. 1988. Authorship, dates of publication, status and types of Spix and Agassiz’s Brazilian fishes. Spixiana 11 (1): 69-93.